top of page
Gudo_Baselgia_2021_2.jpg

Guido Baselgia

«Von der Erde»

Der Sternen stellt 15 Heliogravüren des Fotografen und Künstlers Guido Baselgia aus. 

​

22. Oktober 2025 - 11. Januar 2026

Von der Erde_1_15_A5.jpg

Guido Baselgia – Von der Erde

Portfolio mit 15 Heliogravüren, 2006

 

Die Reise ins Gebirge führt zurück zu den Anfängen. In die Gegend, in der er geboren, aufgewachsen, gross geworden ist. Mitte der neunziger Jahre macht sich Guido Baselgia auf, seine Heimat, das Engadin zu erkunden. Und dazu muss er sich zuerst von der Last bestehender Bilder befreien – sich leer machen. Das vielfach bereiste, beschriebene, gemalte und fotografierte Hochtal ist durch immer gleiche Darstellungen abgenutzt und ausgeblutet, seine Schönheiten scheinen ausgereizt. Würde es noch einmal gelingen, einer unverbrauchten, unverstellten Wirklichkeit zu begegnen? Den Orten ihre ursprüngliche Strahlkraft zurückzugeben? Etwas Eigenes, Wahres, Gültiges über diese Landschaft zu sagen?

 

Auf endlosen Wanderungen setzt sich der Fotograf so lange der Bergwelt aus, bis diese ihre Fremdheit zurückgewinnt. Er übt sich darin, das Bekannte mit neuen Augen zu sehen. Und lässt die erzählende Reportage weit hinter sich. Stattdessen macht er langsame, statische, unpathetische Bilder. Fotografien, welche die Netzhaut des Betrachters irritieren, weil sie die Konventionen des Sehens in Frage stellen. Kleine Dinge werden gross. Nahes rückt in die Ferne. Und die sonst so vertrauten Erscheinungen der Natur verlieren plötzlich ihre Harmlosigkeit.

 

Guido Baselgia entdeckt ein archaisches Stück Erde. Das Engadin? Vielleicht. Vor allem aber ein Hochland, worin sich Urzeit und Gegenwart, Natur und Kultur vielschichtig überlagern. Schneefelder, Geröllhalden, vernebelte Wälder und schroffe Felsen dienen ihm nicht mehr als Versatzstücke für ein Loblied auf die erhabene Berglandschaft. Vielmehr gelingt es ihm, die ihn umgebenden Phänomene so festzuhalten, dass sie ihre Eigenart, ihre Sinnlichkeit, aber auch ihre Rätselhaftigkeit voll entfalten. Er schafft Bilder, die nichts erklären und nichts illustrieren. Bilder, die meditativ um das stille Dasein der Dinge kreisen – Ausschnitte aus einer Aussenwelt, die zugleich Innenwelt ist. 

 

Später steigt er wieder vom Gebirge hinunter, in die Ebene, in ein Tiefland, in dem kein Berg, keine menschlichen Spuren und keine dramatischen Erosionen mehr dazu verleiten, Geschichten zu erzählen. Er sucht eine Welt, die nur aus Wasser, Eis und Fels besteht. Er findet sie im Norden Finnlands und Norwegens, in der unendlich gleichförmigen, ereignislosen Gegend zwischen Polarkreis und Barentssee. Eine Einöde, unberührt und vollkommen fremd, wo jeder Betrachter zuerst einmal auf sich selbst zurückgeworfen wird. Hat der Fotograf im Hochland noch die Auseinandersetzung mit dem Thema Landschaft gesucht, so tastet er sich nun an existentielle Fragen heran. An die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Einbildung. Was ist oben, was unten? Was hat Bestand, was ist vergänglich? Was geschieht, wenn ein Sonnenstrahl eine Sekunde lang auf einen Fels trifft, der seit Urzeiten der Meeresbrandung trotzt? „Die Landschaft scheint zu fliessen, unsichtbar langsam ... Zehntausend Jahre scheinen wie gerafft. Der Blick auf die Einöde wird zum Blick aus dem Weltraum.“ Weltraum – so nennt Guido Baselgia die Serie von Bildern, die er nach Hause bringt.

 

Bald darauf eine neue Expedition, ein neues Ziel und ein weiterer Schritt ins Extreme. Im bolivianischen Altiplano und in der chilenischen Atacama-Wüste wird die Erdoberfläche zum blossen Reflektor von Strahlungen aus dem All. Positiv oder Negativ – unmöglich zu sagen, wo die Wahrheit liegt. Die intensive Sonne brennt sich in das zeitlos wirkende Relief ein und nimmt diesem die letzten Reste von Sinn und Zeichenhaftigkeit. Hier richtet der Fotograf sein Objektiv ins Unendliche. Licht wird zum beherrschenden Thema seiner Bilder. Das Licht, das einem Gegenstand seine Form, seine Farbe, seine Wirklichkeit gibt. Das Licht, das sich beim Einbruch der Dämmerung selbst die letzten Bilder nimmt und schliesslich die reale Landschaft ganz verschwinden lässt.

 

Wer aber einmal den letzten Horizont überschritten und den festen Boden unter den Füssen verloren hat, wer einmal das Ende der Welt gesehen hat – der geht mit anderen Augen durchs Leben. Sieht immer wieder das Unfassbare hinter dem Selbstverständlichen. Spürt Dimensionen, die den menschlichen Verstand übersteigen. Woher wissen wir um das Vorhandensein von Dingen, die nie gesehen werden? Kann man sich von der menschlichen Sicht auf die Welt lösen?

 

Schliesslich drängen ihn seine Fragen noch einmal zum Aufbruch. 2006, mehr als zehn Jahre nach Beginn seiner Recherchen im Engadin, reist Guido Baselgia ein weiteres Mal an die Schauplätze zurück: in die arktische Landschaft des hohen Nordens, ins alpine Hochland und in die Wüstenzone im südlichen Wendekreis der Sonne. Die Bilder hat er schon im Kopf. Bilder für das Unsichtbare im Sichtbaren, Bilder für die elementaren Kräfte, welche sich in verschiedenen Phänomenen offenbaren. Lyrische Verdichtungen. Als Technik wählt er die Heliogravüre, ein Verfahren aus den Anfängen der Fotografie: er übersetzt die belichteten Filme auf eine Druckplatte und erlöst sie so von der reinen Momenthaftigkeit. Die Magie der Dunkelkammer verbindet sich mit der Poesie der Druckerschwärze, flüchtige Lichtspuren gerinnen zu bleibenden Eindrücken, unbewusst wahrgenommene Augenblicke werden zu fein modulierten Ewigkeiten. In dieser altneuen Form bringt Guido Baselgia die Essenz seiner Expeditionen zu Papier.

 

Vadsö, Morteratsch, Patacamaya. Gletscher und Fels, Wasser und Eis, Himmel und Erde. Vergessene Stellen einer dünnen Haut, die sich lesen lässt wie ein offenes Buch: Das Werden und Vergehen eines Planeten. Wer dem Fotografen auf seiner Reise durch Raum und Zeit folgt, mag erahnen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

​

Peter Pfrunder, 

ehemaliger Direktor der Fotostiftung Schweiz, Winterthur

STERNEN POP UP | Dorfplatz 8 | CH-7208 Malans | mail@sternen.cafe | +41 76 407 72 08

IMPRESSUM
Verantwortlich für den Inhalt: Genossenschaft Sternen Malans

DATENSCHUTZ

bottom of page